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USDT-Stablecoin: Tether und New Yorker Staatsanwaltschaft einigen sich

Tether und die New Yorker Staatsanwaltschaft einigen sich: Tether bzw. Bitfinex müssen eine Strafe von 18,5 Millionen Dollar bezahlen und dürfen nicht länger Kunden aus New York bedienen. Beide Seiten verkaufen das Ergebnis als Erfolg – und sowohl Kritiker als auch Anhänger des Dollar-Stablecoins fühlen sich bestätigt.

Das Drama um den US-Dollar-Stablecoin Tether begleitet uns schon eine Weile. Seit langem wird der Herausgeberin, der Firma Tether, vorgeworfen, Dollar-Token ohne Deckung durch echte Dollar zu schaffen und damit den Bitcoin-Kurs hinauf zu manipulieren. Da Tether die mit Abstand wichtigsten Stablecoins sind und eine bedeutende Säule des gesamten Handels mit Kryptowährungen, ist dieser Verdacht natürlich brisant. In letzter Instanz könnte er bedeuten, dass die Preise seit Jahren manipuliert werden, dass sowohl die Rally Ende 2017 als auch die derzeitige nur gefaked sind, und dass ein Platzen der Tether-Verschwörung den gesamten Markt zum Einsturz bringen wird.

Die Manipulations-Vorwürfe haben es schließlich in eine Klage geschafft durch die Staatsanwaltschaft New York geschafft. Gestern kam der Prozess nun zu einem Abschluss.

Man habe die Investoren „vor betrügerischen und irreführenden Plattformen für den Handel mit virtuellen oder ‚Krypto‘-Währungen geschützt“, schreibt die Pressemitteilung der New Yorker Staatsanwaltschaft, indem man „von Bitfinex und Tether verlangt, alle Handelsaktivitäten mit New Yorkern zu beenden.“ Die Firma Tether habe behauptet, dass jeder USDT-Coin durch einen Dollar auf einem Bankkonto gedeckt sei; eine Unterschung der Staatsanwaltschaft habe jedoch zu Tage gefördert, dass iFinex, die Mutterfirma von Bitfinex, und Tether „falsche Statements über die Deckung der Stablecoins gemacht haben sowie über die Bewegung von hunderten Millionen Dollar zwischen den beiden Unternehmen, um die Wahrheit über massive Verluste von Bitfinex zu verschleiern.“ Tethers Behauptung, die USDT seien gedeckt, war, so Generalstaatsanwältin Letitia James, „eine Lüge“.

Weniger hart klingt es in der Ankündigung von Tether: Man freue sich, eine Einigung erreicht zu haben. Die Firma Tether gibt keine Fehler zu, sondern beharrt darauf, nichts falsch gemacht zu haben. Die Buße werde man als Preis dafür bezahlen, die Affäre hinter sich zu lassen. „Wir haben während der vergangenen 2,5 Jahre vollständig mit dem Büro des Generalstaatsanwalts kooperiert und mehr als 2,5 Millionen Seiten an Dokumentationen eingereicht, um Fragen zu beantworten.“ Anders als Online-Spekulationen behaupteten, habe die Staatsanwaltschaft keinen Beweis dafür gefunden, „dass Tether jemals Tether herausgegeben habe, ohne diese zu decken.“ Man nehme sich jedoch den Wunsch der Generalstaatsanwältin zu Herzen, transparenter zu werden, und bedanke sich für die professionelle Zusammenarbeit.

Beide Parteien haben sich darauf geeinigt, dass Tether 18,5 Millionen Dollar Strafe bezahlt und jede Geschäftsaktivität mit New Yorkern einstellt. Inwieweit dies bei einem Stablecoin auf einer Blockchain tatsächlich möglich sein wird, ist natürlich eine andere Frage.

Der strittige und wohl auch für die Community entscheidende Punkt ist natürlich, ob die Tether-Dollar nicht zureichend gedeckt waren, wie die Staatsanwaltschaft offenbar behauptet, oder vollständig gedeckt, wie Tether beteuert. Über diese Frage herrscht scheinbar weiterhin Dissens. Die Übereinkunft zwischen der Staatsanwaltschaft und Tether geht aber genau dieser Frage penibel auf den Grund. Das Dokument listet auf, was Tether / Bitfinex über die Deckung der Tether-Dollar behauptete, und führt Hinweise an, inwieweit dies der Wahrheit widersprach. Damit gewinnt eine Geschichte, die in Grundzügen schon lange schwelt, weiter an Gestalt.

Die Probleme mit den Banken und den Dollar

Von Anfang an bis Februar 2019 hat Tether stets behauptet, jeder USDT sei „1-zu-1“ durch einen Dollar gedeckt. Im Februar 2019 schließlich änderte Tether diese Aussage dahingehend, dass jeder Tether-Dollar durch „Reserven“ gedeckt sei, welche „traditionelle Währungen und Cash Äquivalente umfassen sowie, von Zeit zu Zeit, auch andere Assets und verfügbare Darlehen von Tether an andere Parteien.“ Dennoch versicherte Tether den Usern weiterhin, dass man jeden Tether gegen einen Dollar wechseln könne.

Hinter den Kulissen sah die Lage dagegen weniger entspannt aus. Die Geschichte der Bankenbeziehungen von Tether ist ziemlich abenteuerlich. Vor 2017 hatten Bitfinex und Tether Banken aus Taiwan benutzt, um Dollar zu prozessieren; im März 2017 entschied die korrespondierende Bank Wells Fargo jedoch, nicht länger Überweisungen von Bitfinex und Tether zu prozessieren, weshalb die beiden Unternehmen neue Banken suchen mussten. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tether bereits 50 Millionen USDT herausgegeben; bis Ende Mai stieg dieser Betrag auf 108 Millionen. Allerdings hatten weder Bitfinex noch Tether in dieser Zeit ein funktionales Bankkonto, was natürlich die eine oder andere Frage aufwirft.

Erst im Juni 2017 eröffnete Bitfinex ein Konto bei der Noble Bank auf Puerto Rico, die von Tether-Mitgründer Brock Pierce gegründet wurde (der sich zu diesem Zeitpunkt aber längst von Tether zurückgezogen hatte). Tether selbst eröffnete erst im September 2017 ein neues Bankkonto, und zwar bei der Bank of Montreal im Namen ihres Generalanwalts. Auf diesem Account befanden sich niemals mehr als 61,5 Millionen Dollar. Zwischen März und September hatte Tether also keine erkennbare Beziehung zu einer Bank und „konnte nicht direkt Fiat-Einzahlungen annehmen, durch die Kunden Tether über die Tether-Webseite oder Bitfinex-Handelsplattform kauften.“

Wegen dieses fehlenden Bankkontos „konnte Tether nicht selbst ausreichend Dollar halten, um hunderte Millionen Tether zu decken, die nun auf den Markt gekommen waren.“ Bis September 2017 hatte Tether 442 Millionen Tether herausgegeben, hielt aber nur die 61 Millionen Dollar, die das Unternehmen im September auf das Konto bei der Bank of Montreal einzahlte. Hat Tether also Geld aus nichts geschaffen?

Nicht ganz. Denn während dieser Zeit hielt die Schwesterfirma Bitfinex auf einem gemeinsamen Bankkonto 382 Millionen Dollar, welche eigentlich als Reserve für die Tether herhalten sollten. Als Tether im September die Bestände durch einen Anwalt verifizieren ließ, überwies Bitfinex die 382 Millionen Dollar vom Konto bei der Noble Bank auf das Konto von Tether bei derselben Bank.

Bitfinex und Tether hatten in dieser Zeit also die Guthaben verbunden. Es war nicht klar, welche Guthaben den Kunden von Bitfinex gehörten, die Dollar eingezahlt hatten, und welche Tether gehörten, um die Dollar-Token zu decken; und selbst wenn dies durch Verträge geklärt war, war unsicher, ob Tether im Zweifel tatsächlich an die Dollar kommen würde. Vor allem aber, beklagt die Staatsanwältin, habe Tether „zu keinem Zeitpunkt seine Kunden oder den Markt darüber informiert, dass die Tether zwischen Juni und September 2017 nicht 1-zu-1 durch Dollar auf einem Bankkonto gedeckt waren.“

Doch die Probleme setzten sich fort:

Ende 2017 begann Bitfinex eine Partnerschaft mit der in Panama ansässigen Bank Crypto Capital einzugehen. Mitte 2018 hatte Bitfinex Kundeneinlagen von mehr als einer Milliarden Dollar auf einem Bankkonto bei Crypto Capital. Doch nun mehrten sich die Probleme, das Geld auszuzahlen. Im April 2018 beschlagnahmte die Regierung von Polen rund 340 Millionen Dollar von einem Konto, das Crypto Capital bei einer kleinen polnischen Bank führte. Diese Beschlagnahmung richtete sich gegen die Guthaben von kolumbianischen Drogenkartellen; Bitfinex war eher versehentlich mit erwischt worden. Später informierte Crypto Capital Bitfinex darüber, dass rund 150 Millionen Dollar an Guthaben bei einer portugiesischen Bank beschlagnahmt worden waren.

Obwohl rund 500 Millionen Dollar an Kundeneinlagen durch Crypto Capital eingefroren waren, versicherte Bitfinex seinen Kunden, dass Ein- und Auszahlungen weiterhin möglich seien. Doch die Lage bei der Börse wurde so ernst, dass Bitfinex sich 400 Millionen Dollar von Tether leihen musste. Dies geschah zwischen den Konten bei der Deltec Bank auf den Bahamas, welche Bitfinex und Tether mittlerweile verwendeten. Im Oktober 2018 zahlte Bitfinex die Schuld durch 400 Millionen Tether zurück. Diese Transaktionen wurden aber, beklagt die Staatsanwaltschaft, niemals öffentlich gemacht, und im November überwies Tether wieder 475 Millionen Dollar an Bitfinex.

Nicht ganz sauber, aber auch nicht so schmutzig, wie befürchtet

Zusammengefasst gibt es Zweifel, ob Tether zu allen Zeiten tatsächlich eine ausreichende Deckung hatte. Insbesondere die Frage, wie Tether neue Dollar-Token herausgegeben konnte, während es von März bis September 2017 kein Bankkonto hatte, ist schwierig zu entschärfen.

Zugleich sieht es aber so aus, als hätten Tether und Bitfinex gemeinsam im Jahr 2017 die Tether-Token durch Dollar auf Bankkonten gedeckt. Formal mag das nicht immer exakt so gewesen sein, und die dahinterstehenden Verbindungen zwischen Börse und Stablecoin sowie die Nutzung des Geldes mögen fragwürdig sein. Doch materiell besaß Tether die Dollar.

Die danach entstehenden Probleme wurden vor allem dadurch verursacht, dass Behörden Geld einfroren, das Bitfinex oder Tether gehörte – ohne dass Bitfinex ein Gesetz gebrochen hätte. Dass die einen Regierungen – Polen und Portugal – erst das Geld von Tether / Bitfinex einfrieren, und daraufhin die andere Regierung – von New York – die Unternehmen anklagt, das Geld nicht verfügbar gehabt zu haben, ist schon etwas abstrus. Doch auch diese Probleme wurden offenbar gelöst, wenn auch erneut zu dem Preis, dass Tether und Bitfinex ihre Konten vermischten.

Ob es bei diesen Kontenvermischungen dazu kam, dass die Tether durch Guthaben gedeckt wurden, die nicht Tether-Käufern gehörten, sondern Händlern auf Bitfinex, also die Einzahlungen bei der Börse illegalerweise verwendet wurden, um Tether zu erschaffen, die niemand bestellt hatte, sagt das Dokument nicht. Vielmehr zielt es vor allem darauf ab, Tether aufgrund der Tatsachen Falschaussagen nachzuweisen: Die Tether-Token waren nicht vollständig durch Geld auf einem Bankkonto gedeckt, das nur Tether gehörte, sondern zum Teil auch durch Einlagen an Bitfinex und später auch durch ein Darlehen an Bitfinex. Wenn Tether dennoch versicherte, die Token seien vollständig gedeckt, war dies Irreführung.

Und eben darum ging es in der Verhandlung. Um, wie Tether schreibt, „Vorwürfe wegen öffentlichen Enthüllungen in Bezug zu einem Darlehen, dass Tether Bitfinex gegeben hat“. Diese Ereignsise seien mittlerweile allgemein bekannt, und „das Darlehen hat zu keiner Zeit die Fähigkeit von Tether behindert, Auszahlungen vorzunehmen.“

Ob Tether die heute mehr als 34 Milliarden Tether-Token durch echte Dollar auf einem Bankkonto deckt, ist offenbar nicht die Frage, bei der es in der Verhandlung geht. Wenn Tether bewiesen hat, über diese Geldmittel zu verfügen, steht es nicht im Protokoll. Doch vielleicht werden wir mehr darüber erfahren, wenn eine andere Klage voranschreitet, die ebenfalls in New York gegen Tether läuft: Eine Sammelklage wegen Markmanipulation.

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