Menu Close

50.000$ – die surreale Macht der Knappheit

Ja. 50.000 Dollar. Diesen Preis hat Bitcoin heute Nacht erreicht. Das ist phantastisch, verrückt – und wirft Fragen auf: Warum? Wieso? Und sind wir erst am Anfang dieser Blase – oder schon an ihrem Ende?

Ein Bild sagt mehr, als tausend Worte, und eine Zahl oft mehr als hundert Bilder. Daher stelle ich hier einfach noch einmal die Zahl des Tages hin:

50.000$

So viel ist ein Bitcoin mittlerweile wert. Also etwa ein Jahresgehalt eines mittelmäßig bezahlten Redakteurs oder ein Tesla Model 3. Verrückt. Damit hätten wir hier ehrlich gesagt nicht gerechnet. Zumindest nicht ernsthaft, und nicht so schnell.

Surrealer als das, was auf den Börsen ist, ist das, was nicht ist: Man kann noch immer nicht bei der Bank Bitcoin kaufen und verwahren. Man kann noch immer nicht mit Bitcoin bei Aldi oder Amazon bezahlen. Es gibt noch immer keinen Bitcoin-ETF, und es ist noch immer die Ausnahme, dass Versicherungen, Rentenfonds und Vermögensverwalter Geld in Bitcoin stecken. In meinem Umfeld besitzen nicht mehr Menschen Bitcoins als schon vor zwei Jahren. Zugleich sparen die Deutschen mehr als je zuvor; im vergangenen Jahr haben sie 393 Milliarden Euro zurückgelegt, womit die Spargut haben des Landes auf 7,1 Billionen Euro gestiegen sind.

Das allgemeine Interesse ist zwar deutlich gestiegen – aber noch immer eher marginal. Wer oder was treibt also den Preis nach oben? Was verursacht diesen unheimlichen, surrealen, so unerschütterlich wirkenden Aufstieg?

Eine mögliche Erklärung wäre ein FOMO-Effekt unter Tech-Firmen. FOMO bedeutet „Fear of Missing out“, was man als Torschusspanik übersetzen könnte. Spätestens seit Tesla eine Menge Geld in Bitcoin gesteckt hat, dürfte es in den US-Techfirmen zum Trend geworden sein, zumindest darüber nachzudenken, einen Teil der üppigen Barreserven in Bitcoin zu stecken. Und wer zu spät kommt, wird am wenigsten Bitcoins haben. Daher könnte gerade halb Silicon Valley dabei sein, einen Teil der liquiden Mittel gegen Bitcoins zu wechseln. Das dürfte eine Weile dauern und einen kontinuierlichen Zustrom an neuem Kapital erzeugen.

Nicht viel weniger surreal ist, was im Geldwesen außerhalb von Bitcoin passiert: US-Präsident Joe Biden möchte weitere 1,9 Billionen Dollar – 1,6 Billionen Euro – in die US-Wirtschaft pumpen, um, natürlich, die wirtschaftlichen Verheerungen durch Corona zu lindern. Und in Europa kommt es langsam an, dass triviale Logik auch während einer Pandemie nicht aussetzt: Wenn man mehr Geld auf eine Wirtschaft wirft, die nicht wächst, steigen die Preise. Nachdem die EZB im Dezember ihre Corona-Hilfsprogramme auf 1,85 Billionen Euro erhöht hat und nachdem im Spätsommer noch eine Deflation konstatiert wurde, erwarten nun alle die Inflation. Bundesbank-Präsident Weidmann beispielsweise rechnet mit einem Anstieg der Preise in diesem Jahr um drei Prozent, und ZEIT-Autor Mark Schieritz, bekannt als Gegner von Bitcoin, Gold und allem, was Werte erhält, freut sich darüber, dass man sich „wieder mit dem Thema Inflation befassen“ muss.

Die Regierungen in Amerika und Europa schütten also Geld auf den Markt, in der Hoffnung, dadurch nicht nur die Börsenkurse anzuheben, sondern auch Wirtschaftswachstum erzwingen zu können. Der Markt jedoch weiß nicht so recht, was er mit dem Geld anfangen soll; es dämmert langsam, dass es nur Werte vernichten wird, wenn man das Geld auf dem Bankkonto liegen lässt. Aber was ist die Alternative?

Der Immobilienmarkt wirkt sowieso schon überhitzt: die Renditen für Käufer schrumpfen, die Zeiträume, um das Investment wieder reinzuholen, steigen, und gefühlt haben sich in vielen Gegenden die Preise seit 2017 mehr als verdoppelt. Auch Aktien sind schon auf einem Allzeithoch, was umso paradoxer ist, da die Wirtschaft im vergangenen Jahr geschrumpft ist. Viele Unternehmen haben Kurzarbeit gefahren und noch immer droht ein heftiger Einbruch der Wirtschaft, wenn die Probleme von Einzelhandel und Gastronomie in Insolvenzen enden.

Ernsthaft attraktiv sind diese klassischen Investments nur, wenn man von massiv-zweistelligen Inflationsraten ausgeht. Aber irgendwo muss das Geld ja hin. Daher bietet sich Bitcoin an, zumindest, wenn man, wie die Vermögenden und Unternehmen, schon viel Geld in Aktien, Anleihen, Cash und Immobilien geparkt hat. Anstatt noch mehr vom selben kann man auch etwas neues ausprobieren, oder?

Ähnliches trifft auf die Bitcoin-Besitzer zu. So reizvoll es wäre, bei diesen Preisen auszucashen, um die astronomischen Gewinne zu realisieren – so wenig reizvoll sind die Alternativen. Daher gibt es bisher auch noch kaum einen Verkaufsdruck.

Unter diesen Umständen offenbart sich die surreale Macht der Knappheit. Bisher haben nur wenige Unternehmen ernsthaft Geld in Bitcoins investiert. Ich schätze, vom Dax maximal eines, wohl eher aber keines, vom amerikanischen S&P Index vielleicht eine kleine Handvoll, wenn überhaupt. Banken bieten ihren Kunden, wie gesagt, nicht an, Bitcoins zu kaufen, so, wie sie Immobilien, Aktien, Sparbriefe und oft auch Gold anbieten. Und von Versicherungen, Rentenfonds und Zentralbanken braucht man, wie gesagt, gar nicht zu reden. Und doch treiben die wenigen Investments Bitcoin schon so weit nach oben.

Echte Knappheit ist eben machtvoll. Bitcoin ist das knappste Gut aller Zeiten, oder, besser gesagt: das knappste fungible Gut, das sich als Wertspeicher etabliert hat. Kein vergleichbares Gut ist mengenmäßig so klar begrenzt. Indem Unternehmen wie Microstrategy oder Fonds wie Grayscale oder hunderttausende Hodler weltweit Bitcoins einfach nur auf den eigenen Wallets halten, entziehen sie den Börsen Liquidität. Es gibt schlicht nicht genügend Bitcoins zu kaufen, und anders als bei jedem anderen Gut kann der Markt die Produktion nicht hochskalieren, wenn die Nachfrage das Angebot übertrifft. Selbst Gold lässt sich, wenn es sich nur lohnt, in höherer Menge aus der Erde ziehen; Wohnraum lässt sich neu erschließen, wie es derzeit massenhaft geschieht. Aber Bitcoins? Sie entstehen mit derselben Rate, 6,25 BTC alle zehn Minuten, egal, wie hoch der Preis ist, und egal, wie viel Geld die Miner in ihre Asic-Farmen stopfen.

So gesehen hat die Geschichte erst begonnen. Die Knappheit von Bitcoin wirkt übermächtig, noch bevor die Welt wirklich begonnen hat, Bitcoin auf breiter Front als Wertspeicher zu benutzen. Was passiert, wenn die Welt damit beg? Der Drache ist mit einem Donnern erwacht, hat aber biser nur müde mit einem Flügel gewunken. Aber natürlich gibt es keine Garantie, dass er auch wirklich fliegen wird.

Powered by WPeMatico