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„Bei anderer Berechnung liegt die Inflation für 2019 bei deutlich über fünf Prozent.“

Gunther Schnabl ist Professor für Wirtschaftspolitik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Leipzig. Anders als viele seiner Kollegen übt er sich beim Thema Inflation und Geldmenge nicht in Zurückhaltung: Er fordert, dass die offizielle Inflationsrate stärker hinterfragt wird, und sorgt sich über die Folgen der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

Herr Schnabl, vielen Dank, dass Sie uns ein Interview geben. Wenn Sie hören, dass Deutschland derzeit droht, in eine Deflation abzugleiten, weil die Verbraucherpreise im September gesunken sind – was denken Sie dann?

Ich denke zwei Dinge: Erstens, dass diese Wahrnehmung der Deflation sehr stark von der Inflationsmessung abhängt. Würde man die Inflation höher messen, wäre diese Diskussion hinfällig. Zweitens denke ich, dass die öffentlich gemessene Inflation und die wahrgenommene Inflation in Europa sehr stark divergieren. Seit dem Jahr 2004 ist die gefühlte Inflation im Euroraum circa fünf Prozentpunkte höher als die offiziell gemessene. Das muss nicht zwingend nur an „Murphys Gesetz“ liegen. Daher beschäftige ich mich schon länger damit, wie die Inflation gemessen wird.

Könnte man die Inflation auch anders messen, als es offiziell gemacht wird?

Ja, natürlich. Um eine Inflationsrate zu messen, werden viele Entscheidungen getroffen: Welches theoretische Konzept zugrunde gelegt wird, welcher Warenkorb den Konsum der Bürger am besten repräsentiert, wie Veränderungen im Kaufverhalten berücksichtigt werden. Schließlich werden die Preise, die in den Läden abgelesen werden, sogar noch von den statistischen Behörden angepasst.

„Das sehr komplexe System der Inflationsmessung ist intransparent. Es gibt viele Überraschungen, wenn man sich damit befasst.“

Wie machen die Behörden das?

Die statistischen Behörden gehen davon aus, dass die Qualität von vielen Gütern steigt. Deshalb rechnen sie die Preise herunter, z.B. wenn ein Computer leistungsfähiger ist, ein Smartphone eine neue Funktion hat oder ein neuer Autotyp als verbrauchseffizienter ausgewiesen wird. In Deutschland werden derzeit neun Verfahren der Qualitätsanpassung verwendet. Weil Qualitätsverbesserungen von Unternehmen sehr viel aktiver herausgestellt werden als Qualitätsverschlechterungen, werden die Preise wohl im Durchschnitt nach unten gerechnet. Die Behörden legen aber nicht offen, wie groß der Effekt auf die Inflationsrate ist. Die Rohdaten für die Preise sind geheim und unsere Anfragen blieben bisher erfolglos. Das sehr komplexe System der Inflationsmessung ist intransparent. Es gibt viele Überraschungen, wenn man sich damit befasst.

Demnach ist es also unmöglich, eine objektive Inflationsrate zu messen?

Ja, eine „wahre Inflation“ gibt es nicht. Jeder Bürger hat sein persönliches Konsumverhalten und damit auch seinen persönlichen Kaufkraftverlust. Dennoch gibt es die offizielle gemessene Inflationsrate, die in der Tagesschau vermeldet und von vielen Wissenschaftlern einfach so heruntergeladen und in der Forschung verwendet wird. Die Messung der Inflation bestimmt damit sehr stark, wie die Veränderung unseres Wohlstands in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft dargestellt und wahrgenommen werden. Wenn die Inflation niedriger gemessen wird, sind die realen Löhne und der Wohlstand höher. Manche sprechen vom „Märchen vom reichen Land“.

Dennoch wird offizielle Rate zur Basis der Geldpolitik der Zentralbank …

Ja. Die EZB hat geldpolitische Ziele. Ob sie diese erreicht, hängt auch davon ab, wie in der Europäischen Union der sogenannte „Harmonisierte Konsumentenpreisindex“ (HVPI) errechnet wird. Seit Jahren liegt die offiziell gemessene Inflationsrate unter dem selbstgesteckten Ziel der EZB von (nahe) zwei Prozent. Es scheint, als ob der Index seit Jahren nicht auf die geldpolitischen Entscheidungen der EZB reagiert. Auch die Inflationsprognosen der EZB erweisen sich immer wieder als falsch.

Woher hat die EZB ihr Inflationsziel?

Das Ziel der EZB ist nach dem Vertrag zur Arbeitsweise der Europäischen Union die Erhaltung der Preisstabilität. Auf welche Weise die EZB dieses Ziel verfolgt, entscheidet sie selbst. Als die EZB ihre Arbeit im Jahr 1999 aufgenommen hat, hat sie Preisstabilität als eine Inflationsrate (HVPI) von unter zwei Prozent definiert. 2003 hat die EZB dann entschieden, anstatt dieses Maximalziels ein Punktziel von nahe zwei Prozent zu verfolgen.

Seit vielen Jahren liegt die offiziell gemessene Inflationsrate nun unter zwei Prozent. Das dient zur Rechtfertigung für sehr umfangreiche Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen, die die Bilanz der EZB massiv ausgeweitet haben, von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 1999 auf inzwischen 60 Prozent. Die Tatsache, dass die EZB ihr selbstgewähltes Punktziel nicht erreicht hat, hat auch dazu geführt, dass die EZB ihre Aufgaben deutlich ausgeweitet hat. Sie fühlt sich nun auch für die Rettung der Banken, des Euro, der EU und des Klimas zuständig. Gleichzeitig treibt sie die Vermögenspreise nach oben, die damit alles andere als stabil sind.

„Ich will nicht sagen, dass unsere Indizes besser als der offizielle sind. Aber sie eröffnen neue Sichtweisen.“

Sie haben einen alternativen Preisindex entwickelt. Was unterscheidet ihn vom traditionellen Warenkorb?

Vor allem haben wir Güter hinzugefügt, die im offiziellen Index fehlen: Etwa eigengenutztes Wohnen. Die Immobilienpreise sind stark gestiegen, tauchen aber im Index von Eurostat nicht auf (nur die Mieten, die ein Gewicht von 6,5% (!) haben). Auch die öffentlichen Güter wie Straßen, Bildung, Schulen oder die Gesundheitsversorgung haben wir aufgenommen, da diese Güter auch bezahlt werden müssen. Die Steuern sind in Deutschland seit 1999 im Durchschnitt um drei Prozent pro Jahr gestiegen. Schließlich haben wir auch Aktienpreise aufgenommen und unterschiedliche Szenarien für Qualitätsverbesserungen und Qualitätsverschlechterungen entwickelt.

Wenn man ihren Index verwendet, auf welche Inflationsrate würde man dann kommen?

Je nachdem, welche Gütergruppen zusätzlich integriert werden, erhält man unterschiedliche alternative Inflationsraten. Wer den Großteil seines Einkommens nach Muster des Warenkorbs verkonsumiert und keine Steuern zahlt, für den gilt die Rate von Eurostat. Wenn aber jemand eine eigene Immobilie erwirbt, Steuern abführt oder mit Aktien für die Zukunft spart, für den liegt die Inflationsrate deutlich darüber. Für das weiteste Maß mit eigengenutztem Wohnen, öffentlichen Gütern und Aktien haben wir für 2019 eine Inflation von deutlich über fünf Prozent. Ich will nicht sagen, dass unsere Indizes besser als der offizielle sind. Aber sie eröffnen neue Sichtweisen, die auch ein anderes Licht auf die negativen Nebeneffekte der ultra-lockeren Geldpolitik der EZB werfen.

Inflationindex, Quelle: Destatis, Bundesbank

Welche negativen Folgen sind das?

Erstens hat die expansive Geldpolitik starke Verteilungseffekte: Wenn die Vermögenspreise steigen – und es ist offenkundig, dass die Geldpolitik mit dafür verantwortlich ist – gewinnen die Reichen, während die Mittelschicht, die mehr in Form von Bankeinlagen spart, verliert. Zweitens haben immer weiter sinkende und anhaltend niedrige Finanzierungskosten den Unternehmen die Anreize genommen, die Produktivität zu erhöhen. Die Produktivitätsgewinne in Deutschland und Europa sind deshalb in den letzten 20 Jahren stark zurückgegangen. Da ist kritisch, da Produktivitätsgewinne die Basis für Lohnerhöhungen und den Ausbau der sozialen Sicherung sind.

„Die in den Euroländern stark steigende Staatsverschuldung ist in den meisten Fällen nur noch tragbar, weil die EZB in großem Umfang Staatsanleihen kauft.“

Das hat sich in den letzten zehn Jahren beschleunigt, und gefühlt durch Corona noch mehr …

Durchaus. Die Politik begann schon 1987, als Alan Greenspan Präsident der FED wurde, der amerikanischen Notenbank. Greenspan hat eine Politik etabliert, die sensibel auf Kursverluste auf den Finanzmärkten reagiert. Wenn die Kurse sanken, senkte die FED seither die Zinsen stark. Wenn die Kurse wieder nach oben strebten, blieb sie mit Zinserhöhungen aber zögerlich. Auf diese Weise sind die Zinsen über die Zeit hinweg unweigerlich gegen null abgesunken. Die meisten anderen Zentralbanken sind diesem Pfad gefolgt. Nachdem die Zinsen beim Nullpunkt angekommen sind, haben die Zentralbanken immer mehr Vermögenswerte wie Staats- und Unternehmensanleihen aufgekauft, wodurch die Zentralbankbilanzen immer weiter ausgeweitet wurden. Diese Entwicklung hat sich mit Corona nochmals deutlich beschleunigt.

Dann sind wir in den letzten Jahren also eher im Endspiel einer schon lange gärenden Geldpolitik angekommen?

Zumindest haben wir eine neue Runde in der Abwärtsspirale erreicht. In Europa wurde Corona zu einer Rechtfertigung, die Anleihekaufprogramme der EZB nochmals deutlich auszuweiten. Das sogenannte „Pandemische Notfallkaufprogramm“ hat einen Umfang von 1.350 Milliarden Euro. Die sogenannten „Gezielten Längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte“ haben 1.700 Milliarden Euro erreicht. Für Dezember erwarten die Finanzmärkte, dass das Ankaufvolumen weiter aufgestockt wird. Auch die Refinanzierungsgeschäfte werden weiter anschwellen. In den USA und Japan agiert man ähnlich. Alle Regeln zur Schuldenbegrenzung in der EU und in Deutschland („Schuldenbremse“) wurden wegen der Pandemie ausgesetzt und werden auch nächstes Jahr ausgesetzt bleiben. Die in den Euroländern stark steigende Staatsverschuldung ist in den meisten Fällen nur noch tragbar, weil die EZB in großem Umfang Staatsanleihen kauft.

Wo wird das hinführen?

Die Bilanz der EZB ist nach oben hin offen. Theoretisch kann sie alle Staatsanleihen im Euroraum und auch alle Aktien und Immobilien aufkaufen. Der Nachteil ist, dass dadurch die Wirtschaft schleichend verstaatlicht wird und das Vertrauen in die Währung sinken dürfte. Letzteres sehen wir bereits, die Flucht in Sachwerte hat schon lange eingesetzt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass irgendwann auch plötzlich die Konsumentenpreise stark ansteigen. Derzeit ist die Inflation auch deshalb gering, weil das viele billige Geld bei den Bürgern nicht ankommt. Die Kaufkraft vieler Menschen schwindet, weshalb die Nachfrage nach billigen Produkten mit geringen Preiserhöhungen stetig wächst. Da Konsumenten- und/oder Vermögenspreiseinflation negative Wachstums- und Verteilungseffekte haben, tragen sie zu einer wachsenden politischen Destabilisierung bei.

Da sich die Geldschöpfung bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen klar begrenzen lässt, könnten diese durchaus eine Alternative zu Euro oder Dollar werden.

Was könnte konkret passieren?

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, weil die Geldpolitik die Vermögenspreise nach oben treibt. Hingegen kommen die Löhne, vor allem der neuen Berufseinsteiger, aber auch von Mitarbeitern von Unternehmen, die in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, unter Druck. Die Aufstiegschancen, die es früher in Deutschland und Europa gab, existieren so nicht mehr. Immer mehr Menschen sind frustriert und wenden sich extremen Parteien am linken oder rechten politischen Spektrum zu. Dieser Prozess war schon vor Corona lange zu beobachten und er dürfte sich in den kommenden Jahren wieder fortsetzen. Die Corona-Maßnahmen bringen viele Unternehmen in wirtschaftliche Bedrängnis und die Corona-Rettungsgelder machen noch mehr Unternehmen von günstigen Krediten abhängig, bei denen das Risiko nicht mehr eingepreist ist. Man sagt auch, dass die Unternehmen „zombifiziert“ werden. Das ist Gift für die Löhne!

Könnte man steigenden Preisen nicht mit Preiskontrollen entgegenwirken?

Das ist nicht unwahrscheinlich. Dem Druck auf die Löhne wurden bereits der Mindestlohn entgegengesetzt, steigende Mieten werden mit Mietpreisbremsen bekämpft. Nach dem Ökonom Friedrich August von Hayek sind jedoch wirtschaftliche und persönliche Freiheit miteinander verbunden. Hayek hat 1944 mit Blick auf die mittel- und osteuropäischen Planwirtschaften richtig vorhergesagt, dass Preiskontrollen die Einschränkung der persönlichen Freiheit nach sich ziehen würden. Die Planwirtschaften haben übrigens auch die Statistiken ihren ambitionierten Wirtschaftsplänen angepasst. Es wurden positive Wachstumsraten ausgewiesen, die sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs als völlig unrealistisch entlarvt haben.

Und dasselbe passiert nun mit den Inflationsraten?

Nein, haha, das habe ich nicht gesagt. Ich möchte nur hinterfragen, ob die offiziell ausgewiesenen Inflationsraten wirklich auch eine stabile Kaufkraft der Bürger im Euroraum widerspiegeln, wie das oft suggeriert wird. Als Anhänger der österreichischen Volkswirtschaftslehre hinterfragt man vieles und gleicht gerne offizielle Daten mit alternativen Indikatoren ab. Wenn ich beispielsweise die Kaufkraft meiner Eltern zu Zeiten des Wirtschaftswunders mit der Kaufkraft der jungen Leute heute vergleiche, finde ich frappierende Unterschiede.

Was wäre die Alternative?

Zunächst müssten wir die Veränderung der Kaufkraft realistischer abbilden. Wir müssen alternative Konzepte etablieren, die auch das eigengenutzte Wohnen, Steuern und Sozialabgaben wie auch Vermögenswerte berücksichtigen. Wir müssen auch verstehen wie die Qualitätsanpassung auf die Preismessung wirkt. Wird bei der Preismessung berücksichtigt, dass bei vielen Produkten die Plastikanteile wachsen, Dienstleistungen abnehmen und die Lebenslaufzeit von den Produzenten bewusst verkürzt wird? Oder sollte man die Qualitätsanpassung ganz unterlassen?

Anstelle eines Punktziels von zwei Prozent sollte die EZB wieder zu einem Maximal-Ziel zurückkehren. Da die Inflationsrate auch derzeit unter zwei Prozent liegt, wären die umfangreichen Ankäufe von Vermögenswerten, die so starke negative Wachstums- und Verteilungseffekte haben, hinfällig. Zudem sind fallende Preise gut für die Konsumenten. Es würde auch der starke Rechtfertigungsdruck von der EZB genommen, der dadurch entstanden ist, dass das Vertrauen in die EZB seit Einführung des Euro stark gelitten hat.

Wäre eine Kryptowährung wie Bitcoin eine Alternative? Schließlich gibt es hier eine algorithmisch fixierte Geldschöpfung anstelle einer Politik durch die Notenbanken …

Ich bin Währungsökonom und von der Österreichischen Schule inspiriert, daher verfolge ich die Entwicklung von Bitcoin aufmerksam. Ich nehme Bitcoin als zunehmend wichtigen Spieler im Währungswettbewerb mit den Papierwährungen wahr. Ich interessiere mich auch dafür, wie die großen Zentralbanken auf Bitcoin und andere Kryptowährungen reagieren. Dass beispielsweise die EZB einen E-Euro schaffen will und die Europäische Kommission die Kryptowährungen regulieren will, kann als klares Zeichen des Erfolgs der Kryptowährungen gesehen werden.

Da sich die Geldschöpfung bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen klar begrenzen lässt, könnten diese durchaus eine Alternative zu Euro oder Dollar werden. Doch derzeit sind die stark schwankenden Preise noch problematisch. Das Bezahlen mit Bitcoin ist noch relativ kompliziert und teuer. Auch das Thema Vertrauen ist nicht einfach. Für mich basiert Vertrauen darauf, dass ich mir ein Bild vom Handeln einer Person oder Institution mache. Bei Bitcoin ist nicht auf den ersten Blick klar, wer dahintersteckt. Kann es sein, dass einmal jemand durch Knopfdruck das ganze System verschwinden lässt? Dennoch ist Bitcoin aus meiner Sicht auf einem guten Weg und für den Währungswettbewerb sehr wichtig.

Literatur:

Israel, Karl-Friedrich / Schnabl, Gunther 2020: Alternative Measures of Price Inflations and the Perception of Real Income in Germany. CESifo Working Paper 8583.

Schnabl, Gunther / Sepp, Tim 2020: Die Qualitätsanpassung bei der Preismessung schafft die Illusion niedriger Inflation. Wirtschaftliche Freiheit 19.6.2020.

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